IV. Von Kieselsteinen am Absprungplatz

Staunen in Ehrfurcht.
April 21st, 2013
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Ich heiße jetzt Cherry!“ verkündet uns Finia abends im Zelt.

„Kirsche?“

„Nein, CHERRY.“

„Achso.“

„Die können irgendwie alle nicht Finia sagen. Und Cherry ist eh viel schöner.“ Finia hat sich mit neuseeländischen Zwillingen angefreundet. Cherry können sie sagen. Unser Mädchen lächelt, ein kleiner Seufzer entfährt ihr. Leuchtende Augen.

Die ersten Tage auf Reise sind verstrichen. Im Vacationer, mit Füßen im Meer und auf kleinen Farmersmärkten – Finia auf der Suche nach brauchbaren Süßigkeiten, Fabian auf der Suche nach glutenfreiem Brot, ich auf der Suche nach vergilbter Literatur. Wir haben inzwischen ausgehandelt, wer im Zelt links, wer rechts und wer in der Mitte liegt. Wir haben uns daran gewöhnt, dass ein Salatkopf 4 Dollar kostet und ausgehandelt, dass wir nur 2 Eimer voller Steine und Muscheln mit uns herum fahren und die Stocksammlung auf 7 Prachtstücke reduzieren. Wir saugen den Duft der Frühlingsblumen auf und lassen unsere winter-bleichen Füße schüchtern durch saftiges Gras fahren. Finia kann ice cream, lollies und petrol station sagen. Fabian will sich gerne ein Surfbrett kaufen aber wie gesagt: ein Salatkopf kostet 4 Dollar.

Wir planen nie länger als ein paar Stunden im Voraus, lassen uns treiben. Oft und immer öfter überkommt uns ein Schauer der Dankbarkeit und eine Sehnsucht danach, genau da zu sein, wo wir gerade sind. Manchmal bilden wir uns ein, unser Handy klingele oder vibriere. Kurz steigt der Blutdruck, dann begreifen wir: wir haben hier keine Handys.

Der Alltag sitzt tiefer in den Knochen als der Jetlag.

Uns zieht es weiter in den Norden. Wir möchten zum Cape Reinga, dem nordwestlichsten Punkt der neuseeländischen Nordinsel. Es ist ein Ort mit großem spirituellem und kulturellem Wert für die Maoris, Neuseelands Ureinwohner. Die Legende sagt, dass an dieser Stelle die Seelen der Toten den langen Pilgerweg zurück nach Hawaiki, ihr mythisches Herkunftland, antreten. Deshalb heißt das Kap auf Maori Te Rerenga Wairua – Absprungplatz der Geister.

Die Strecke zum Kap läuft parallel zum 90 Mile Beach, eine endlos erscheinende Strandlandschaft, zwar nicht ganz 90 Meilen lang, aber doch um die 90 Kilometer. Man kann die Strecke zum Kap entlang des Strandes im Sand zurück legen. Ein fürsorglicher Blick auf unseren Vacationer genügt – wir nehmen die Straße. Sie ist einsam und schmal. Wenige Minuten bevor wir ankommen, ändert sich auf einen Schlag das Klima. Zack, bumm, Subtropen! Die schwüle Luft drängt sich durch die geöffneten Scheiben als gäbe es kein Morgen, plötzlich wuchern palmen-artige Gewächse entlang des Wegs. Der Vacationer zuckelt einen letzten Buckel hinauf, wo sich wie aus dem Nichts ein riesiger Parkplatz auftut. Dicht an dicht pressen Reisebusse, Mietautos, Wohnmobile und Motorräder ihre noch heißen Motorhauben aneinander. So ein Touri-Aufgebot hatten wir nicht erwartet. Vielleicht, weil wir keinen Reiseführer lesen.

Wir schließen den Vacationer ab. Außer den Kofferraum, denn den kann man nicht abschließen. Vorbei an modernen Toilettenhäuschen und kunterwirren Souvenirläden marschieren wir mit einer Karawane anderer Touristen entlang der präparierten Wege bis zum Leuchtturm, der majestätisch das Kap schmückt. Schade, dass wir nicht die Einzigen sind, die hier her kommen. Heute und auch überhaupt. Möchte man ja als Reisender der Erste und Einzige sein, der einen Ort aufsucht, und ist doch nur ein Pünktchen im nicht abreißenden, ewig wachsenden Strom der Touristen, die allmählich die Welt umrunden, immer schneller, zu immer mehrt, bis irgendwann kein Stückchen Erde mehr übrig sein wird, an dem noch kein Mensch war.

Ich erinnere mich an Tage im Wald als kleines Mädchen. Tage, die nie enden sollten und die dann doch irgendwann endeteten, mit Einbruch der Dunkelheit, manchmal unter Tränen, einfach weil sie vorbei waren. Tage, an denen ich Hütten mit anderen Kindern baute und mich in unbeobachtet Momenten fragte, ob hier, genau an diesem kleinen Fleckchen Erde, auf dem ich mit Dreckflecken am Knie kauerte, vor mir schon ein Mensch gewesen war. Immer wieder die Gewissheit, schon damals: natürlich. Natürlich war hier vor mir schon ein Mensch.

So auch hier und heute. Vor uns und auch hinter uns. Neben uns auch. Der Wind der Subtropen wärmt uns, als sich das unglaubliche Panorama dieses besonderen Ortes auftut: Vor uns treffen der Pazifische Ozean und die Tasmanische See aufeinander. Wir hören, wie ein Reiseführer einer Gruppe Japanern erklärt, dass dieses Aufeinandertreffen oft ein unglaublicher Kampf sei, an machen Tagen türmten sich die Wassermassen 10 Meter hoch! Ausholende Gesten des bemühten Reiseführers, bewundernd-verwirrte Blicke auf Seiten der Japaner. Wir blicken auf das tiefe Blau unter uns und sehen, wie sich die beiden Meere treffen und ein ‚V‘ wie das eines Vogelschwarmes bilden. Friedlich ist er heute, der Kampf.

Gemeinsam mit der Karawane erreichen wir die Plattform um den Leuchtturm. Von den Geistern der Toten keine Spur; höchst lebendige Touristen und ihre Fotoapparate allgegenwärtig.

Excuse me, Sir!“ tippt eine Dame in Blau Fabian auf die Schulter. „Würden sie diese Steine für mich ins Wasser schmeißen? Ich kann nicht so weit werfen.“

Fabian schaut mich an. Ich schaue ihn an. Finia schaut die Frau an.

Das bringt Glück!“ sagt die Dame in Blau, lächelt und zuckt die Schultern.

Könnten Sie meine auch schmeißen?“ fragt eine Dame in Rot und kippt eine Hand voll weißer Kieselsteinchen in Fabians.

Wir blicken zum Meer. Nah ist was anderes. Aber man will ja dem Glück anderer Leute nicht im Weg stehen – schon gar nicht, wenn es einem so in die Hand gelegt wird. Findet Fabian wohl auch.

Er schmeißt. Und trifft.

Die Dame in Blau und die Dame in Rot klatschen aufgeregt und kichern schrill im Angesicht von so viel Glück. Finia schaut sie immer noch an. Die Damen verbeugen sich vor Fabian und treten den Rückweg an. Erst jetzt merken wir, dass sich der Platz geleert hat. Die Karawane zieht zurück. Noch hören wir das Knipsen der Fotoapparate nachhallen, das Kichern, den ausholenden Reiseführer, das aufgeregte Schnattern. Doch dann lässt es nach, die Masse wird immer kleiner und verschmindet dann gänzlich hinter den modernen Toilettenhäuschen und dem kunterwirren Souvenirladen.

Wir sind alleine.

Fabian kniet sich mit Finia auf ein Mäuerchen und zeigt ihr einen Fischschwarm tief unter uns im Blau der Meere. Er ist so groß, dass wir ihn bis hier oben sehen. Ich streife meine Schuhe ab, spüre die Wärme der Steinplatten und denke: Die Fische wissen nicht, dass sie gerade von einem Meer ins andere schwimmen und dann pfeilschnell, wirr, nur ihren eigenen Gesetzen folgend, wieder zurück huschen. Und dann wieder zurück. Immer im Schwarm, nie im Alleingang. Sie kennen keine Grenzen – diese künstlichen Linien, die auf künstliche Karten gezeichnet, wieder radiert und ewig neu gezeichnet werden. Und dann als in Stein gemeißelt verkauft werden.

Wie wir dort sind, nichts als sind, ist die Kraft, die Ehrfucht, die Wucht dieses Ortes für einen Moment greifbar. Wir wünschen den Seelen der Toten, dass sie ihren Weg nach Kawaiki in Momenten wie diesen antreten können. Dann laufen wir zurück. Ganz für uns, Cherry auf Fabians Schultern, und gönnen diesem kostbaren Ort ein kleines Stückchen Ruhe. Bis der nächste Reisebus anrollt.

 

  • Staunen in Ehrfurcht.
  • Die Tasmanische See zur Linken...
  • ...Wellen des Pazifischen Ozeans zur Rechten.
  • Der Leuchtturm - auf 19 Seemeilen sichtbar.
  • Damit die Touristen wieder heim finden.
  • Ich sehe was, das Du nicht siehst...
  • Von Auckland bis an den Zipfel.

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