XVIII. Aller guten Wünsche sind drei

Juli 30th, 2013
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Finia hat drei Wünsche, schließlich wird man nur einmal im Leben vier: „Andere Kinder, einen Schokokuchen mit Smarties und ein Party-Fest.“ Sie sagt es nicht fordernd. Es klingt noch nicht einmal wie ein Wunsch, eher wie eine Feststellung über dessen Erfüllung. Doch woher hier auf Reisen Kinder nehmen, woher die Party? Ein bisschen Ablenkung und sie wird ihre hehren Wünsche vergessen, hoffen wir und legen behutsam Smarties auf den Supermarkt-Schokokuchen, damit wenigstens ein Wunsch in Erfüllung geht.

Fabian und ich schneiden bei Taschenlampen- und Mückenlicht eine rosa Plastik-Tischdecke zu, verpacken Geschenke, stibitzen im Dunkeln einen Strauß zarter Buschrosen und hängen eine bunte Girlanden ums Zelt. Wir sind in der Bergstadt Queenstown. Über uns steht grell der Mond im schwarzen Himmel, unter uns liegt der spiegelglatte Lake Wakatipu. In gemütlichem Schweigen wurschteln wir vor uns hin und denken an heute vor vier Jahren, an jenen ver-wehten Abend vor dem Tag, an dem ein kleines Mädchen uns zu Eltern machte.

Später tappst Fabian in den Aufenthaltsraum und schickt eine Email an unsere Herzens-Nachbarin aus Deutschland. Finia liebt sie, sie liebt Finia und bisher hat sie keinen ihrer Geburtstage verpasst. Sie lebt für ein Jahr in Australien, doch gerade ist sie mit ihrem neuseeländischen Freund in Neuseeland unterwegs. Wo wissen wir nicht, nur dass. Fabian fragt in seiner Mail, wo sie sind. Schreibt, wo wir sind. Einfach nur mal so.

Es ist noch dunkel und klamm, als Finia am nächsten Morgen aufwacht, die Temperaturen liegen wenig über Null. Wir krabbeln aus dem Zelt und zünden die rote Vier auf dem Kuchen an. Scheu flackert die Flamme im Wind und wirft schales Licht auf die Teetasse mit den Rosen darin. Finia lächelt, uns fröstelt vor Kälte, die Herzen warm. Leise singen wir für sie, fast flüsternd, damit die umliegenden Camper nicht wach werden. Dieser Moment auf dem durchnummerierten, plattgewalzten Stadt-Campingplatz gehört nur uns dreien. Dann wickeln wir uns in Fleece-Decken und laufen den Hang runter zum See, während die Sonne aufgeht und gemächlich den Tau von der Wiese leckt.

Als Finia nach einem Schokokuchen-Frühstück ihre Geschenke auspackt, nähern sich schüchtern zwei Kinder. Seit Wochen die ersten Kinder, ausgerechnet heute! Sie sprechen nicht, weder Finia, noch die beiden anderen. Sie schauen sich an, sie lächeln, sie beobachten, sie nicken und antizipieren das Nicken des anderen – drei Reisende, die wissen, dass der jeweils andere die eigene Sprache nicht spricht. Längst spielen sie miteinander, als sie feststellen, dass sie alle Deutsche sind. Bald gesellen sich noch ein holländischer Junge in knallgrünen Kleidern und eine kleine Schwedin dazu. Während die Kinder den Campingplatz auseinander nehmen, empfängt Fabian eine Email: „Wir kommen zu Euch. Sind gegen 18 Uhr in Queenstown.“

Den Rest des Tages verbringen wir an der ersten Bungee-Sprung-Stelle der Welt. Dass wir das Gleiche am Tag zuvor gemacht haben, stört Finia nicht. Im Gegenteil – es geschieht auf ihre Direktive hin. Wir hocken auf einer breiten Holzsterrasse in schwindelerregender Höhe und begleiten mit Blicken die Wagemutigen auf ihrem kreischenden Abgang in den Fluss. „Sowas würde ich nie machen“, raunt Finia nach jedem Sprung. „Selbst nicht wenn ich groß wäre.“ [Finia, unter Umständen lese ich dir das in 15 Jahren nochmal vor.] Anschließend besuchen wir eine kleine Unterwasser-Warte. Schmale Stufen führen hinab in einen Raum, darin eine große Glaswand. Durch die Scheibe sehen wir dicke Forellen, gewundene Aale und adrette kleine Tauch-Enten, die sich im See tummeln. Die Enten, von oben betrachtet so gewöhnlich wie Kiesel am Ufer, sind der Knüller. Wie aufgeblasene Seepferdchen gleiten sie aufrecht durchs Wasser, ihr Gefieder wie ein zu enger Tauchanzug an die ölige Haut gepresst. Der drollige Anblick hält uns für Stunden in dem stickigen Raum im See-Inneren. 

Als wir später in die Stadt schlendern um Fish und Chips zu kaufen, steht plötzlich unsere Herzens-Nachbarin mit ihrem Herzens-Mann vor uns. Wie aus dem Nichts sind sie einfach da und strahlen. Unbeeindruckt-beglückt lässt sich Finia von Yvonne an die Hand nehmen und stapft mit ihr in den Fisch-Laden. Zwei Freunde in der Ferne vereint. Für einen Moment dreht sich Finia zu uns um und lächelt. „Natürlich ist Yvonne da und feiert meinen Geburtstag mit mir“, scheint ihr Blick zu sagen. „So wie letztes Jahr eben. Und das Jahr davor.“  Ich schlucke, bevor ich den Anderen folge.

Mit unserer Ausbeute, eingeschlagen in fettiges Packpapier, finden wir nicht nur eine Wiese, sondern vor allem: ein Party-Fest. Mitten im Zentrum findet ausgerechnet heute ein Benefiz-Konzert zu Gunsten jener Familien statt, die bei einem tragischen Unfall in einer Mine an der Westküste ihre Väter, Söhne, Brüder und Männer verloren haben. Die Solidarität der Neuseeländer ist greifbar, die Bands sind großartig und den ersten Tanzfreudigen zucken die Beine. Kaum ist der Fisch verdrückt, ist Finia mit dabei. Sie dreht sich, als gäbe es kein Morgen, das bunte Kleid fegt um ihre braunen Beine. Da kommt der Moderator auf uns zu. Er lächelt und fragt Finia, wie sie heißt. Sie versteht ihn und sagt ihm ihren Namen. Als er fragt, wie alt sie ist, helfe ich aus und erzähle, dass sie heute Geburtstag hat. Mit einer kleinen Verbeugung nimmt er ihre Hand und gratuliert. Dann ist er weg.

Nach dem nächsten Lied verstummt die Band und der Moderator ergreift das Wort. Er erinnert an den tragischen Tod der Männer, ringt nach Worten, um un-sag-barer Trauer und Fassungslosigkeit Ausdruck zu verleihen. Er spricht von den Familien der Opfer, versucht Mut zu machen, Trost und Hoffnung zu schenken. Dann sagt er: „Heute ist der Tod so präsent wie selten. Doch wir dürfen nicht vergessen, dass das Leben genauso präsent ist und uns vielmehr daran erinnern, wie unendlich kostbar es ist. Diese junge Dame, die hier vorne so wunderbar tanzt, heißt Finia. Sie wird heute vier Jahre alt!“ Kaum hat er das ausgesprochen, hallt es „Happy birthday, little lady!“ von rechts und von links und die Menschen klatschen. Finia klatscht mit. Und als die Musik weiterspielt, tanzt sie weiter, bis der Mond über uns ist und die Band sich bettfertig macht.

Wie wir später in Decken gemummelt beisammen sitzen und unsere Herzens-Nachbarin für eine Nacht unsere Zelt-Nachbarin ist, finde ich, dass das Leben schöner kaum sein kann. Manchmal übertrumpft es sich wahrlich selbst, etwa wenn es klamm-heimlich hehre Wünsche erfüllt. Ich lehne mich auf unserer kläpprigen Klappbank zurück und denke: Kinder, einen Schokokuchen mit Smarties und ein Party-Fest. Mein Kind, du hast so Recht. Warum nicht nach den Sternen greifen, wo es sie doch gibt?

 

  • Vacationer in Bestform
  • Guten Morgen am Lake Wakatipu
  • Geburtstagsverstärkung auf Augenhöhe
  • Stundenlanges Bungee-Gucken
  • Mit dem Seil hin, mit dem Boot zurück
  • Staunen...
  • ...im Underwater-Observatory
  • Tauch-Enten bei der Arbeit
  • Abgang
  • Aufgang

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