XIV. Von der Sonne, dem Schlitzohr

Juni 30th, 2013
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Wo geht eigentlich die Sonne hin, wenn sie untergeht?“ fragt Finia beim Frühstück. „Geht die da in die Berge rein?“ Sie zeigt auf das Gebirge hinter Kaikoura, worin allabendlich die Sonne verschwindet. Fabian zieht sie zu sich auf den Schoß und schnappt sich zwei Äpfel. Wild dreht er die Früchte umeinander und erklärt ihr dabei, wie sich die Erde um die Sonne dreht und dass es, kaum zu glauben, tatsächlich jeden Morgen die gleiche Sonne ist, die aufgeht. Geduldig hört sie sich seine Ausschweife an.

Dann fragt sie:Aber warum geht die dann in die Berge rein?“

Wir schauen uns an. Unser bisheriger Hang zur Ostküste hat dafür gesorgt, dass wir hier in Neuseeland noch keinen einzigen Sonnenuntergang über dem Meer gesehen haben. Eine Stunde später sitzen wir im Vacationer und fahren an die Westküste. Schleunigst.

Der Lewis Pass, der sich durch die Gebirgskette schlängelt, ist bezaubernd. Wir schreiben die erste Dezember-Woche, der Frühling ist dem Sommer gewichen, alles blüht, duftet, summt. Die Wollpullis liegen in die hinterste Kofferraum-Ecke geknüllt, der State Highway 7 flimmert vor Hitze und wir bauen Finia einen Vorhang aus Handtüchern gegen die Sonne, die gnadenlos durch die Scheibe brennt.

Während Finia einen ausgiebigen Mittagsschlaf im Bärensitz hält (Jawohl! Dank einer Leserin wissen wir nun, dass es sich bei den vermeintlichen Mäuse-Schweinen um die „Glücksbärchen“ handelt. Ich erlaube mir, sie zu zitieren: „Fiese, pastellfarbene Comic-Bärchen, die am Regenbogen leben und in sehr, seeeeehr vielen TV-Folgen alle Kinder glücklich machen.“ Vielen Dank für diese Erhellung nach Wermelskirchen!) – wie sie also schläft, halten wir an einer schattigen Stelle entlang des Maruia Flusses. Der Vacationer streckt seine vier Türen von sich, wir flätzen auf dem Boden, schwätzen und genießen die Zeit zu zweit. Später wandern wir zu dritt barfuß entlang des Flusses, baden und finden neue Wasserkresse fürs Abendessen. Ein Endlager mit lauter untergegangenen Sonnen finden wir hier in den Bergen nicht.

Am frühen Abend fahren wir weiter nach Westen, immer der Sonne nach. Unterwegs halten wir da und dort, um entzückende kleine Wanderungen durch Farnwälder und zu Wasserfällen zu machen – die Wege so überschaubar und kurz, als wäre die Strecke extra für Kinder gedacht.

Im Wettlauf mit der Sonne erreichen wir das Küstenstädtchen Hokitika – wenige Minuten bevor der Feuerball im Meer versinkt. Wir springen aus dem Auto, knallen die Türen zu, schließen die ab, die sich abschließen lassen, und pesen an den Strand.

Gefesselt von so geballter Schönheit lässt sogar Finia die Sonne nicht aus den Augen. Langsam, unaufhaltsam versinkt sie am Horizont, wie eine Kugel Vanilleeis, die in heiße Himbeersoße schmilzt. Ein letzter Augenschlag, dann ist sie weg. Einzig ein roter Schimmer bleibt über der ruhigen See, die unentwegt ans sandige Ufer schwappt und behutsam treibendes Holz an Land legt.

Achso“, bricht es jetzt aus Finia heraus. Ihre Stirn glättet sich, ihr ganzer kleiner Körper seufzt vor lauter Erleichterung, die Welt ein Stück mehr verstanden zu haben. „Die geht gar nicht in die Berge, die Sonne! Die geht ins Meer!“

Ja, so ungefähr.

 

  • Immer den Zehen nach
  • Rasten am Lewis Pass
  • Fundstück im Farnwald
  • Nicht mehr weit bis Hokitika...
  • Geschafft!

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